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Wie gehe ich mit Schuld und Scham um?

screenshot_20250307_171048_instagramSchuld und Scham – wenn wir lernen, uns selbst nicht mehr zu spüren
„Das darfst du nicht fühlen.“
„Das gehört sich nicht.“
„Sei nicht so wütend.“

„Reiß dich zusammen.“

"Stolz sein darf man nicht" 

„Dafür musst du dich schämen.“ 

Vielleicht kennst du solche Sätze.
Vielleicht hast du sie irgendwann einmal gehört.
Vielleicht sagst du sie heute selbst zu dir – ohne es überhaupt zu bemerken.
Denn Schuld und Scham entstehen nicht erst im Erwachsenenalter. Sie entwickeln sich in Beziehungen, in unserer Erziehung, in unserer Kultur und durch die Erfahrungen, die wir mit anderen Menschen, vor allem in den ersten 7 Jahren unserer Prägungsphase machen.

Und sie können beeinflussen, wie wir mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen. 

Was ist eigentlich Schuld?
Schuld richtet sich zunächst auf etwas, das ich getan oder unterlassen habe.
Ich habe jemanden verletzt.
Ich habe ein Versprechen gebrochen.

Ich habe eine Grenze überschritten. 

Gesunde Schuld kann deshalb eine wichtige Funktion haben:
Sie kann mir zeigen, dass mein Verhalten nicht mit meinen eigenen Werten oder mit den Bedürfnissen eines anderen Menschen übereinstimmt.
Dann kann Schuld zu Verantwortung führen:
Ich erkenne, was passiert ist.
Ich übernehme Verantwortung.
Ich entschuldige mich.
Ich versuche, etwas wiedergutzumachen.
Ich lerne daraus.

Schuld muss also nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sein. 

Problematisch wird sie dort, wo aus
„Ich habe etwas Falsches getan“
ein
Mit mir stimmt etwas nicht“
wird.
Dann bewegen wir uns von Schuld in Richtung Scham.
Scham sagt nicht: „Ich habe etwas falsch gemacht.“
Scham sagt viel eher:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Ich bin nicht gut genug.
Ich bin zu viel.
Ich bin zu wenig.
Ich bin falsch.
Ich darf so nicht sein.
Während Schuld eine konkrete Handlung betreffen kann, richtet sich Scham viel stärker gegen das eigene Selbst.
Und genau deshalb kann Scham so mächtig sein.
Denn wenn ich glaube, dass nicht mein Verhalten falsch war, sondern ich selbst falsch bin, entsteht ein ganz anderer innerer Konflikt.
Dann geht es nicht mehr darum, etwas zu verändern.

Dann geht es darum, mich selbst zu verstecken. 

Und was hat das mit unseren Emotionen zu tun?
Stell dir ein Kind vor, das wütend wird.
Wut ist zunächst einmal eine menschliche emotionale Reaktion. Sie kann entstehen, wenn Grenzen verletzt werden, wenn etwas wichtig ist oder wenn wir uns durchsetzen müssen. Sie zeigt uns das Bedürniss nach Durchsetzung und Einfluss
Doch wenn dieses Kind immer wieder erlebt:
„Sei nicht wütend!“
„Gute Kinder machen so etwas nicht.“
„Du bist böse, wenn du so bist.“
dann lernt es möglicherweise nicht:
„Meine Wut ist eine Information, mit der ich umgehen lernen kann.“
Sondern:
„Meine Wut ist falsch.“
Und dann beginnt das Kind möglicherweise, seine Wut zurückzuhalten.
Nicht weil die Wut verschwunden ist.

Sondern weil es gelernt hat, dass der Ausdruck dieser Wut gefährlich, unerwünscht oder beschämend sein kann. 

Ähnliches kann mit Trauer geschehen.
Mit Angst.
Mit Freude.
Mit Bedürfnissen.
Und auch mit Sexualität.
Besonders deutlich wird das bei Sexualität
Sexualität gehört zu unserem menschlichen Erleben.
Gleichzeitig ist sie von Anfang an mit sozialen Regeln, persönlichen Werten, kulturellen Vorstellungen, Erziehung und Beziehungen verbunden.
Wenn ein Mensch früh lernt:
„Das ist unanständig.“
„Darüber spricht man nicht.“
„Das darfst du nicht wollen.“
„Dafür musst du dich schämen.“
kann daraus ein innerer Konflikt entstehen:
Mein Körper erlebt etwas – aber ein anderer Teil von mir sagt: Das darf nicht sein.
Das bedeutet nicht, dass jede sexuelle Scham krankhaft ist oder dass jede Grenze überwunden werden sollte.
Im Gegenteil:

Grenzen, Werte und gegenseitiger Respekt sind wichtige Bestandteile einer gesunden Sexualität. 

Die entscheidende Frage ist vielmehr:
Kann ich meine eigenen Empfindungen wahrnehmen, ohne mich dafür grundsätzlich abzuwerten?
Was passiert mit unterdrückten Emotionen?
Hier lohnt sich eine wichtige Unterscheidung.
Eine Emotion muss nicht zwangsläufig „herausgelassen“ werden.
Gesunde Emotionsregulation bedeutet nicht, jede Wut ungefiltert auszuleben oder jede Trauer sofort auszudrücken.
Regulation bedeutet vielmehr, wahrzunehmen:
Was passiert gerade in mir?
Und dann entscheiden zu können:
Was möchte ich damit tun?
Das ist etwas anderes als Unterdrückung.

Wenn wir Gefühle dagegen dauerhaft wegdrücken, kann das erhebliche Kosten haben. Studien zur Emotionsunterdrückung zeigen beispielsweise, dass das Unterdrücken des emotionalen Ausdrucks mit einer erhöhten physiologischen Stressreaktion verbunden sein kann. (PubMed Central (PMC)⁠) 

Und bei Scham kommt noch etwas hinzu:
Wenn ich mich für meine eigene innere Erfahrung schäme, möchte ich diese Erfahrung häufig nicht wahrnehmen.
Ich wende mich von mir selbst ab.
Ich werde hart zu mir.
Ich passe mich an.
Ich funktioniere.
Ich kontrolliere.
Oder ich suche die Ursache ausschließlich im Außen.

Forschung zu Scham beschreibt genau solche unterschiedlichen Bewältigungswege – von Rückzug und Vermeidung bis hin zur Externalisierung von Schuld und aggressivem Verhalten. (PubMed Central (PMC)⁠) 

Und plötzlich entsteht ein interessanter Kreislauf
Ich empfinde etwas.

Ich bewerte es als falsch.

Ich schäme mich dafür oder fühle mich schuldig.

Ich möchte es nicht mehr fühlen.

Ich unterdrücke oder vermeide es.

Der Kontakt zu meinem eigenen Erleben wird schwächer.

Ich weiß immer weniger, was ich eigentlich brauche. 

Und genau hier wird das Thema für mich interessant.
Denn vielleicht geht es bei Veränderung nicht darum, noch besser zu lernen, unangenehme Gefühle loszuwerden.
Vielleicht geht es zunächst darum, wieder Kontakt zu ihnen aufzunehmen.
Nicht um jede Emotion auszuleben.
Nicht um jede Wut auszudrücken.
Nicht darum, jede alte Geschichte wieder und wieder zu analysieren.
Sondern darum, wahrzunehmen:
Was ist gerade in mir?
Was gehört zu mir?
Was habe ich gelernt, nicht fühlen zu dürfen?

Welches Bedürfnis steckt vielleicht dahinter? 

Von der Selbstverurteilung zur Selbstwahrnehmung
Das ist für mich ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu mehr Gesundheit.

Nicht: 

„Warum bin ich so?“
Sondern:

„Was geschieht gerade in mir?“ 

Nicht:
„Das darf ich nicht fühlen.“
Sondern:

„Ich nehme wahr, dass ich das gerade fühle.“ 

Nicht:
„Ich muss meine Wut loswerden.“
Sondern:

„Was möchte mir diese Wut über meine Situation zeigen?“ 

Und nicht:
„Ich muss mich verändern.“
Sondern:

„Kann ich mich zunächst einmal kennenlernen?“ 

Denn erst wenn ich mich wahrnehme, kann ich meine Bedürfnisse erkennen.
Und erst wenn ich meine Bedürfnisse erkenne, kann ich beginnen, mein Leben bewusster danach auszurichten.
Das bedeutet für mich integrale Lebensführung:
Den Körper wahrnehmen.
Emotionen verstehen.
Gedanken hinterfragen.
Bedürfnisse erkennen.
Beziehungen bewusst gestalten.
Und Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.
Nicht alles, was in uns entsteht, muss ausgelebt werden.
Aber vielleicht darf alles, was in uns entsteht, zunächst einmal wahrgenommen werden.

Denn was wir nicht wahrnehmen, können wir kaum bewusst gestalten. 

Vom Kopf ins Herz.
Vom Denken ins Fühlen.

Vom Außen nach Innen. 

Und vielleicht beginnt genau dort eine andere Beziehung zu uns selbst.

Die Veränderung, die Gesundheit, kommt aus dir.

 

 

Carsten Hoffmann

Gestalt- und Emotionscoach für Gesundheit und integrale Lebensführung

Hypnose 

Düsterstr. 3a

0178 5154304
44797 Bochum
Info@carsten-hoffmann-coach.de

Salutogenese und Resilienz

Instagram: Carsten_Hoffmann_Gesundheit 

 

 



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